Warum beißt ein Pferd? Ursachen und richtig reagieren

Ein Biss kommt selten aus dem Nichts.
Meist stecken Schmerz, Angst, Frust oder eine Gewohnheit dahinter, die das Pferd von Menschen gelernt hat.
Wir erklären, wie du die Ursache erkennst und was du für mehr Sicherheit tun kannst.

Pferd mit hochgezogener Oberlippe, das die Zähne zeigt
Kurz gesagt
  • Beißen ist ein Signal und kein „schlechter Charakter“. Schließe zuerst Schmerzen aus, vor allem wenn die Veränderung plötzlich kam.
  • Ein Pferd, das beim Gurten beißt, kann Magengeschwüre, ein orthopädisches Problem oder einen schlecht sitzenden Sattel haben.
  • Pferde lernen schnell, dass sie Menschen mit einer Drohung auf Abstand bringen können. Leckerlis aus der Hand erwiesen sich nicht als Ursache für das Beißen.
  • Schlag das Pferd nicht für einen Biss. Strafe lehrt Angst vor Menschen, nicht Gelassenheit.

Ein Pferdebiss tut weh, und dann denkt man schnell, das Pferd sei boshaft oder wolle „dominieren“. Die Verhaltensforschung zeigt etwas anderes: Beißen ist meist eine Reaktion auf eine bestimmte Situation. Das Pferd sagt damit, dass ihm etwas wehtut, dass es vor etwas Angst hat, dass ihm etwas fehlt oder dass es dieses Verhalten von uns gelernt hat.

Die gute Nachricht: Wenn du die Ursache findest, lässt sie sich meist beseitigen. Unten beschreiben wir die häufigsten, jede mit einem Verweis auf die Forschung.

Erst die Warnung, dann die Zähne

Pferde haben eine reiche Körpersprache, und ein Biss steht meist am Ende einer ganzen Abfolge von Signalen. Forschende, die das Verhalten von Pferden in Konflikten katalogisiert haben, beschreiben die Beißdrohung als eigenes Verhalten: angelegte Ohren und vorgestreckter Hals, ohne Kontakt zum anderen Tier[1]. Erst wenn die Warnung nicht wirkt, kommen die Zähne zum Einsatz.

Solche Signale aufmerksam zu lesen ist einer der einfachsten Wege zu weniger Unfällen mit Pferden. Darauf weist auch eine Übersichtsarbeit zur Mensch-Pferd-Beziehung hin[2].

Die häufigsten Ursachen für Beißen

Schmerzen und Unbehagen

Bei Pferden mit ernsthaften Wirbelsäulenproblemen waren aggressive Reaktionen gegenüber Menschen deutlich häufiger[3]. Ein Pferd, das „plötzlich“ zu beißen beginnt, braucht zuerst eine Untersuchung, nicht Training.

Satteln und Gurt

Bei 37 Pferden, die wegen Gurtzwang in einer Klinik vorgestellt wurden, wurden am häufigsten Magengeschwüre diagnostiziert (12 Pferde), gefolgt von orthopädischen Problemen (10) und anderen Erkrankungen. Bei 3 Pferden war ein schlecht sitzender Sattel schuld[4].

Von Menschen gelernte Gewohnheit

Pferde lernen schnell, dass sie Menschen mit einer Drohung auf Abstand bringen können[5]. Und Leckerlis? In einer Fragebogenstudie hing Füttern aus der Hand mit Händelecken und dem Durchsuchen von Kleidung zusammen, nicht aber mit Zwicken oder Beißen[6].

Spiel und junges Alter

Zwicken und Beißen gehören zu den Verhaltensweisen, mit denen junge Pferde sich gegenseitig zum Spielen auffordern und miteinander spielen[7]. Mit Menschen ist dasselbe Spiel jedoch gefährlich.

Gegenseitige Fellpflege

Pferde pflegen sich gegenseitig mit den Zähnen. Kraulen an einer Lieblingsstelle am Halsansatz senkt den Puls des Pferdes[8]. Beim Kraulen möchte sich das Pferd vielleicht so „revanchieren“, wie es das bei einem anderen Pferd tun würde.

Frust und Haltungsbedingungen

Boxenhaltung begünstigt unter anderem Aggression gegenüber Menschen. Am meisten helfen freie Bewegung, Kontakt zu anderen Pferden und häufiger Zugang zu Raufutter[9].

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Pferden mit ernsthaften Wirbelsäulenproblemen reagierten in standardisierten Verhaltenstests aggressiv auf Menschen. Bei Pferden ohne solche Veränderungen oder mit nur geringen gab es diesen Zusammenhang nicht[3].Fureix et al., PLoS ONE, 2010

Gut zu wissen

Pferde verbergen Unbehagen, wenn jemand in der Nähe ist. In einer Studie mit Pferden nach orthopädischen Operationen gingen Verhaltensweisen, die auf Unbehagen hindeuten, während des Besuchs einer Betreuungsperson im Mittel um 77% zurück[10]. Deshalb kann ein Pferd gerade dann gesund aussehen, wenn du es ansiehst.

Wann beißt das Pferd? Eine Tabelle, die bei der Ursachensuche hilft

Am aufschlussreichsten ist die Situation, in der das Pferd beißt. Notiere, wann es passiert, und vergleiche mit der Tabelle.

Wann es beißtWas dahinterstecken kannWomit du anfängst
Beim Satteln und GurtenMagengeschwüre, orthopädisches Problem, schlecht sitzender Sattel[4]Tierärztliche Untersuchung und Sattelcheck
Bei Berührung einer bestimmten StelleSchmerz oder Unbehagen an dieser Stelle[11]Sieh dir die Stelle an, bei Wiederholung tierärztlich abklären lassen
Wenn eine Drohung den Menschen zurückweichen lässtErlernte Gewohnheit: Das Pferd weiß, dass es funktioniert[5]Von Anfang an sicher positionieren, Ruhe belohnen
In der Box, wenn das Pferd viel darin stehtFrust, zu wenig Bewegung, Gesellschaft und Raufutter[9]Mehr Heu, Auslauf, Gesellschaft anderer Pferde
Beim Spielen, junges PferdSpiel und Austesten von Grenzen[7]Spiel mit Gleichaltrigen, ruhige Grenzen beim Menschen
Plötzlich, bei einem Pferd, das vorher nicht gebissen hatSchmerz oder Krankheit[3, 10]Tierärztliche Abklärung, bevor du am Verhalten arbeitest

So reagierst du, wenn ein Pferd beißt

  1. Achte auf SicherheitStell dich auf Höhe der Schulter des Pferdes, nicht direkt vor den Kopf. Dann musst du nicht im letzten Moment zurückspringen, und das Pferd lernt nicht, dass die Drohung wirkt[5].
  2. Nicht schlagen, nicht schreienStrafen für Beißen sind in Ställen verbreitet, haben aber gut beschriebene Nebenwirkungen: Angst, die sich das Pferd schon nach einem einzigen Ereignis merken kann, und negative Verknüpfungen mit der Person, die straft[5]. Die Art, wie mit dem Pferd gearbeitet wird, kann gefährliches Verhalten verstärken[12].
  3. Schmerzen ausschließenWenn das Beißen plötzlich oder nur beim Satteln aufgetreten ist, beginne mit einer tierärztlichen Untersuchung und einem Sattelcheck[4]. Training beseitigt keine Ursache, die wehtut.
  4. Ruhe belohnenLobe die Momente, in denen das Pferd ruhig steht und den Kopf von dir fernhält. Kraulen am Widerrist ist für das Pferd eine größere Belohnung als Klopfen[5]. Auch Futter kann eine Belohnung sein: Clickertraining hing nicht mit unerwünschtem Verhalten mit dem Maul zusammen[6].
  5. Grundbedürfnisse erfüllenBewegung im Auslauf, Gesellschaft anderer Pferde und Raufutter über einen Großteil des Tages verringern den Frust, aus dem ein Teil des Beißens entsteht[2, 9].

Wann tierärztliche Hilfe nötig ist

  • das Pferd beißt plötzlich oder deutlich häufiger als sonst,
  • es beißt beim Satteln, beim Gurten oder wenn du den Bauch berührst,
  • es schaut sich zum Bauch um und knabbert an der Stelle hinter dem Ellbogen, vor allem beim Fressen[13],
  • zur Verhaltensänderung kommen schlechterer Appetit, Gewichtsverlust, Lahmheit oder Unlust zu arbeiten hinzu.

Häufige Fragen

Muss man ein Pferd, das beißt, bestrafen?

Nein. Strafen haben gut beschriebene Nebenwirkungen, und Angst kann sich ein Pferd schon nach einem einzigen Ereignis merken[5]. Besser wirkt es, die Ursache zu beseitigen und ruhiges Verhalten zu belohnen.

Warum beißt ein Pferd beim Gurten?

Meist aus Schmerz oder Unbehagen. In einer Studie mit 37 solchen Pferden wurden am häufigsten Magengeschwüre diagnostiziert, gefolgt von orthopädischen Problemen und anderen Erkrankungen, bei 3 Pferden ein schlecht sitzender Sattel[4].

Lernt ein Pferd durch Leckerlis zu beißen?

Eine Fragebogenstudie hat das nicht bestätigt. Füttern aus der Hand hing mit Händelecken und dem Durchsuchen von Kleidung zusammen, nicht aber mit Zwicken oder Beißen. Clickertraining, bei dem Futter die Belohnung für ein bestimmtes Verhalten ist, hing mit keiner dieser Verhaltensweisen zusammen[6].

Das Fohlen zwickt. Wächst es da heraus?

Zwicken ist ein natürlicher Teil des Spiels junger Pferde[7]. Am besten spielt das Fohlen mit Gleichaltrigen und lernt beim Menschen ruhige Grenzen kennen, ohne Strafe.

Wissenschaftliche Quellen

Jede Publikation haben wir in den Datenbanken Crossref und PubMed überprüft. Die Nummern im Text führen zur Liste, die DOI-Links zu den Originalartikeln.

  1. McDonnell SM, Haviland JCS. Agonistic ethogram of the equid bachelor band. Applied Animal Behaviour Science. 1995;43(3):147-188. doi.org/10.1016/0168-1591(94)00550-x
  2. Hausberger M, Roche H, Henry S, Visser EK. A review of the human–horse relationship. Applied Animal Behaviour Science. 2008;109(1):1-24. doi.org/10.1016/j.applanim.2007.04.015
  3. Fureix C, Menguy H, Hausberger M. Partners with Bad Temper: Reject or Cure? A Study of Chronic Pain and Aggression in Horses. PLoS ONE. 2010;5(8):e12434. doi.org/10.1371/journal.pone.0012434
  4. Millares-Ramirez EM, Le Jeune SS. Girthiness: Retrospective Study of 37 Horses (2004–2016). Journal of Equine Veterinary Science. 2019;79:100-104. doi.org/10.1016/j.jevs.2019.05.025
  5. McLean AN, Christensen JW. The application of learning theory in horse training. Applied Animal Behaviour Science. 2017;190:18-27. doi.org/10.1016/j.applanim.2017.02.020
  6. Hockenhull J, Creighton E. Unwanted oral investigative behaviour in horses: A note on the relationship between mugging behaviour, hand-feeding titbits and clicker training. Applied Animal Behaviour Science. 2010;127(3-4):104-107. doi.org/10.1016/j.applanim.2010.08.008
  7. McDonnell SM, Poulin A. Equid play ethogram. Applied Animal Behaviour Science. 2002;78(2-4):263-290. doi.org/10.1016/s0168-1591(02)00112-0
  8. Feh C, de Mazières J. Grooming at a preferred site reduces heart rate in horses. Animal Behaviour. 1993;46(6):1191-1194. doi.org/10.1006/anbe.1993.1309
  9. Ruet A, Lemarchand J, Parias C, Mach N, Moisan MP, Foury A et al. Housing Horses in Individual Boxes Is a Challenge with Regard to Welfare. Animals. 2019;9(9):621. doi.org/10.3390/ani9090621
  10. Torcivia C, McDonnell S. In-Person Caretaker Visits Disrupt Ongoing Discomfort Behavior in Hospitalized Equine Orthopedic Surgical Patients. Animals. 2020;10(2):210. doi.org/10.3390/ani10020210
  11. Torcivia C, McDonnell S. Equine Discomfort Ethogram. Animals. 2021;11(2):580. doi.org/10.3390/ani11020580
  12. Starling M, McLean A, McGreevy P. The Contribution of Equitation Science to Minimising Horse-Related Risks to Humans. Animals. 2016;6(3):15. doi.org/10.3390/ani6030015
  13. Torcivia C, McDonnell SM. Behavioral Signature of Equine Gastric Discomfort? Preliminary Retrospective Clinical Observations. Animals. 2025;15(1):88. doi.org/10.3390/ani15010088
Equivo-Team Die App für die tägliche Pferdepflege

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